Vortrag der Schülerinnen der Freien Schule Leipzig
Vorgestern wies ich auf den Vortrag an der Uni Leipzig hin, in dem Schülerinnen der Freien Schule Leipzig ihre Schule vorstellen.
Hier der Bericht der Teilnehmerin Franziska H.:
Hallo, liebe Listenmitglieder!
Nun bin ich zurückgekommen von dem schönen Vortrag und möchte euch meinen Bericht erstatten:
In der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät Leipzig fanden sich heute Abend einige Studenten, Eltern, Kinder und Teammitglieder der FSL ein. Der Vortrag von drei Schülerinnen (12 und 13 Jahre alt) fand im Rahmen der Vortragsreihe “Demokratische Schulen” statt.
Zu Beginn sahen wir einen kleinen Film vom Schulalltag (von Anja Pittner gemacht, von Sören Kichner geschnitten (wink*), der von netter Musik begleitet wurde. Zum Abspann durfte natürlich Pink Floyd nicht fehlen, ihr wißt schon, welcher Song.
Mit Hilfe einer Powerpoint Präsentation stellten uns die drei Mädchen die Schule vor. Demokratie, Respekt, Selbstbestimmung, Gruppenstruktur, Kurssysteme, Angebote, Ausflüge usw., vieles wurde beschrieben.
Interessanter (für mich) war die Fragerunde. Johanna stellte zufällig die richtigen Fragen, die den Hörern noch nicht beschriebene, aber wichtige Dinge zu Gehör bringen konnten. Bei vielen Fragen von Studenten merkte ich, wie wenig sich “normale” Leute das Lernen in soo einer Freiheit vorstellen können. Dazu habe ich zwar einige Dinge vermisst, die ich in diesem Zusammenhang über das Lernen anbringen würde, aber ein Teil kam dann doch noch. Auch von 10 (sprich: one zero), unserem Englisch Lehrer, der mit den Kindern nur Englisch spricht und spielt: “The children learn to want! They grow up and get to be selfconfident, happy people. They just learn to want.” Es ist wirklich für viele Menschen so schwer, sich vom Lehrplan zu lösen, von dem Glauben, daß Wissen _nur_ durch Unterricht erworben werden kann. Hier hätte ich gerne noch diskutiert, was wirklich wichtig ist im Leben, was man aus der Schule noch weiß, welche Fähigkeiten einfach jedes Unterrichtswissen in den Schatten stellen und unserer Gesellschaft viel mehr bringen. Und daß genau diese Fähigkeiten in demokratischen Schulen erworben werden können, wenn man die Kinder nur läßt. Vielleicht kann man so eine Diskussion am Ende der Vortragsreihe anbieten? Jedenfalls wollten viele noch genauer wissen, wie die Angebote konkret aussehen, wie die Kurse. Wie kommt ein Kurs zu Stande? Wer setzt die Themen fest? Wie lange dauert er? Was ist der Inhalt? Wie wird Wissen vermittelt oder angeeignet? Die Mädels haben es ganz gut hinbekommen. Ist schon schwer, so ad hoc über das eigene Leben in der Schule zu reflektieren und anderen zu vermitteln, was man ganz normal findet. Nebenbei erfuhr der Hörer auch, daß natürlich auch jedes Kind zu jeder Zeit ein Teammitglied um Rat und Hilfe bitten kann und daß dann auch “Unterricht” stattfindet, außerhalb von Kursen und Angeboten. Oder daß jedes Kind auch Kurse in anderen Gruppen (Klassen) besuchen kann und daß sie es nicht komisch finden, mit jüngeren oder älteren Kindern zu lernen.
Nach einer Frage, wie Lesen gelernt wird (die Mädchen konnten das ähnlich wie die Kinder im Sudbury Film auch nicht so genau sagen) und ob es nicht auch Kinder gibt, die einfach nichts lernen, antworteten Leonie, Magdalene und Dalia: “Tja, irgendwann willst du es einfach wissen. Du willst das auch können, was die anderen können. Du willst einfach z.B. Geographie machen. Jeder will irgendwann Lesen können. Das ist einfach so.” Das von den Kindern selbst zu hören, war sehr, sehr schön. Als Erwachsener kann man das anderen 1000 mal sagen “Die wollen das von alleine!”, es kommt aber nie so an, es ist nie so authentisch. Hier schließt sich also ein Kreis: Die Kinder sagen, daß sie einfach lernen wollen, One Zero sagt, daß sie lernen, zu wollen. Die Möglichkeit, sich zu jeder Zeit frei entscheiden zu können, läßt das “learn to want” überhaupt zu. Keine freie Entscheidungsmöglichkeiten (wirklich freie, nicht nur Entscheidungen zwischen vorgegebenen Alternativen im Material o.Ä.) zu haben und dann noch den eigenen Lernwunsch nicht befriedigen zu können, macht aus fast allen (Staats-)Schülern mehr schlecht als recht funktionierende Menschen.
Auch zeigt die Tatsache, daß die Kinder selbst ihre Schule vorstellen, wie mit Kindern in dieser Schule umgegangen wird und wie sie gesehen werden. Als gleichberechtigte Mitmenschen. Es ist ihre Schule, also stellen sie sie vor. Der Lehrer redet nicht _über_ sie, er läßt sie selbst reden. Dabei saß Henrik (der Lehrer dieser Kinder, ein Teammitglied also) so schön ruhig da, mit dem vollsten Vertrauen. Manch normaler Lehrer hätte da ganz anders ausgesehen, wenn “seine Schüler” einen Vortrag an der Uni halten! Er hätte bestimmt oft eingehakt, ergänzt, korrigiert. Nee, Henrik tat so was nur, wenn die Mädchen ihn fragend ansahen oder eine Frage aufkam, die sie nicht beantworten konnten.
Und die Mädels waren, wie sie eben sind. In dem Alter hätte ich so was garantiert nicht so gern gemacht. Sie haben es sehr gut gemacht. Besonders, wenn es konkrete Fragen gab. Da hatte es nicht so einen “Reden-Charakter” und sie konnten dann mit einem Ansprechpartner ganz natürlich und hemmungslos sprechen. Vielleicht läßt man die Vorstellung einfach weg und fängt direkt mit Fragen an? Ist doch auch viel natürlicher. Und macht mehr Spaß, weil es für alle aktiver und dynamischer ist. Mir wär´s recht.
Wenn ich nun was wichtiges vergessen habe, mögen die anderen anwesend-Gewesenen es ergänzen.
Liebe Grüße, Eure Franziska aus Leipzig!
Mit “Hallo, liebe Listenmitglieder” sind übrigens die Leser der Sudbury- und der Unerzogen-Liste gemeint. In diesen Mailinglisten ist Franziskas Bericht zuerst veröffentlicht worden.
Schlagworte: Freie Schule Leipzig, Selbstbestimmtes Lernen