Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 27.10.2008:
Andreas Müller war 25 Jahre lang Lehrer für Deutsch und Politik in Groß-Umstadt in Hessen. Jetzt ging er in Pension und beantwortete aus diesem Anlass einen Fragebogen von Schülern. Hier seine gekürzte Antwort zur Frage, was ihm als Lehrer peinlich war.
Bestimmt 75 Prozent aller Versetzungsprobleme sind durch schlechte Noten im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich verursacht – nicht ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass jemand aus diesem Fachbereich Zweifel an den eigenen Methoden auch nur in Erwägung gezogen hätte: Ausschließlich immer waren die „dummen, faulen, unfähigen“ Schüler selbst schuld. …
Ich empfinde es als peinlich, wenn ich beobachten muss, wie schnell manche Kollegen vergessen, wie es für sie auf der anderen Seite des Klassenzimmers war, wie sie sich als Schüler manchen Lehrern gegenüber gefühlt haben – das trifft leider immer öfter gerade auf junge Kollegen zu. Wenn sie nicht so vergesslich wären, könnten sie sich gegenüber Schülern nicht so schnell so ablehnend, ja feindlich äußern und verhalten.
Sie würden wissen, dass ein Lehrer mit (natürlicher und fachlicher) Autorität nie autoritär sein muss. Sie würden darauf achten, Schülern zu helfen, sie beim Lernen und beim Sammeln und Auswerten von Erfahrungen zu unterstützen. Man muss keine Hausaufgaben aufgeben, nur, weil man eben Hausaufgaben gibt. Es ist ja nicht verkehrt, wenn Schüler ihren Hobbys nachgehen, sich mit Freunden treffen, Zeit dafür haben, eigene Erfahrungen zu machen, eine selbstständige Persönlichkeit entwickeln – am Ende gar eine mit einem eigenständigen, kritischen Verstand. …
Schlagworte: Autorität, Hausaufgaben, Kinder, Kindheit, Lehrer, Lehrer-Schüler-Beziehung, Pädagogik, Schule, Schulsystem