Ein lesenswerter Beitrag des über das »School Shooting« von Winnenden findet sich in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 25.03.2009.
Auszüge:
Oder nehmen wir den ganz normalen Unterricht, in dem das Lernen als permanente Bewährungsprobe für die Schüler inszeniert ist, auf die sie sich mit allerlei „Tricks“ einstellen, die bei näherem Hinsehen ebenfalls verraten, wie es um das institutionalisierte Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern bestellt ist. So weiß jeder Schüler, dass er sich möglichst nicht bei Lerndefiziten ertappen lassen darf, obwohl die nichts als das Produkt des Unterrichts sind. Folglich muss er seine Wissenslücken und Unkenntnis vertuschen und ganz bei sich behalten, weil er weiß, dass ihre Offenlegung nicht deren Beseitigung, sondern deren Bestrafung durch schlechte Noten nach sich ziehen kann. Der Übergang zu Täuschungsmanövern aller Art ist bei Tests und Klassenarbeiten deswegen angesagt, weil auch sie nicht angesetzt werden, um dem Lehrer Auskunft über den Kenntnisstand der Klasse zu geben, sondern um diesen zu benoten. Was bedeutet, dass so eine Arbeit vom Lehrer nach einer gewissen Zeit rücksichtslos gegenüber der Frage angesetzt wird, inwieweit eigentlich die Klasse den Stoff beherrscht.
…
Aber es gibt noch den anderen Zusammenhang zwischen der angedeuteten „Schulkultur“ und den Befunden über die jüngsten Amokläufe: Die Täter machen ihren „Frust“ zur Privatsache, der andere nicht nur nichts angeht, der sogar vor anderen geheim gehalten werden muss. Auch das haben sie in der Schule gelernt. Und nicht zuletzt deswegen ist Tim K. „unauffällig“. Schüler wissen, was geschehen kann, wenn sie ihre Schwächen, Beschädigungen und jene Ohnmacht offenbaren, die ihre tatsächliche Lage nun einmal kennzeichnen. Sie erfahren dann nur allzu oft, dass ihnen all dies als ihre höchst persönliche Eigenschaft um die Ohren und manchmal nicht nur um diese geschlagen wird. Gelernt haben sie, dass jede zugegebene Schwäche, jedes angezeigte Defizit in allen Konkurrenzlagen – solchen, an denen die Existenz, und solchen, an denen das Selbstbewusstsein hängt – von den Veranstaltern der Konkurrenz und von Mitkonkurrenten zum eigenen Vorteil ausgenutzt wird. Dann wird man als Versager, Schwächling, als Loser, als Opfer einsortiert und behandelt. So etwas darf nicht sein, weswegen die Welt der Heranwachsenden nur aus „coolen Typen“ besteht, die es sich den psychologischen Selbstbetrug zur zweiten Natur werden lassen. Als ohnmächtige Wichte, die sie sind und bleiben, ziehen sie dann schon einmal aus der dauerhaft und quälend erfahrenen Ohnmacht den ziemlich verkehrten Schluss, selbst einmal Macht, und gelegentlich sogar Macht in seiner existenziellsten Form als Macht über Leben und Tod auszuüben.
Die Amokläufer sind also keine defekten Monster, die ihre Mordgelüste eine Zeit lang hinter der Fassade des „unauffälligen, ruhigen Jungen“ verstecken. Es handelt sich vielmehr um aus dem Ruder gelaufene brave Lehrlinge eines pädagogisch und politisch intendierten Curriculums, mit dem sie in Schule und Gesellschaft von Kindesbeinen an traktiert werden.
Schlagworte: Amoklauf, Anerkennungskonkurrenz, Bildungsverlierer, Erziehung, Freerk Huisken, Kinder, Kindheit, Konkurrenzverlierer, Leistungsdruck, Leistungskonkurrenz, Rache, Schule, Schulkultur, Schulstress, Schulsystem, Selbstbewusstsein, Selbstbewusstseinskult, Winnenden